Foto Collage: gudrun-stock-adobe.com und Porträt Marek & Beier.

Vor rund einem Jahr hat unser kleines Yogastudio zum ersten Mal seine Türen für Schüler geöffnet. Wie spannend und aufregend! Kommt überhaupt jemand? Gefällt es den Schülern? Mögen sie den Yogastil und fühlen sie sich im Studio zu Hause? Finden sie das Angebot gut oder fehlt etwas?  Und vor allem: Mögen sie mich?

Alle diese Fragen haben mich vor der Eröffnung letztes Jahr nächtelang beschäftigt. Wie im Yoga gibt es auch im Alltag dieses Gefühl von zwei Seiten, Yin und Yang.

In unserem Studio wollen wir dieses Thema von Yin und Yang, insbesondere der Balance zwischen den beiden, nicht nur sichtbar, sondern auch spürbar und vor allem erlebbar machen. Wie stellt sich das da und wie kommt es bei den Schülern an? Was sind die Pfeiler, die Ronis Yogastudio ausmachen?

Zum einen wollen wir uns auf T. Krishnamacharya (indischer Yoga-Lehrer, 1888 – 1989) berufen, der oft als der Vater des modernen Yoga genannt wird. Krishnamacharya legte großen Wert darauf, sein Yoga an die Bedürfnisse des Schülers anzupassen

Leitspruch von Krishnamacharya:

»Lehre, was für den Einzelnen angemessen ist.«

In den letzten Jahren hat Yoga eine regelrechte Renaissance erlebt und ist zu einem nicht mehr wegzudenkenden Teil des modernen Urbanisten geworden. Wurde ich früher noch gefragt, ob ich mir auch die Haare unter den Armen nicht rasieren würde, als ich erzählte, dass ich Yoga mache, so ist es heute die Frage nach der richtigen Matte, Hose, Wasserflasche und so weiter.

Yoga für alle und Yoga als Sport?

Es scheint, als ob jeder Yoga praktiziert: das ist einerseits eine wunderbare Entwicklung in unserer Gesellschaft und auch sehr begrüßenswert und schön. Andererseits hat sich Yoga zu einem Massensport entwickelt.

Hieran gefallen mir genau zwei Aspekte nicht: Masse und Sport. Teilweise tummeln sich, laut Aussagen meiner Lehrer und Schüler, in den Klassen der Münchner Studios bis zu 50 Personen, wenn nicht mehr. Körper an Körper wird hier geschwitzt und geschuftet. Solche Klassen erzeugen unumstritten eine ganz eigene und sehr starke Energie.

Wo bleibt da die Möglichkeit, die Lehre des Yoga an den Einzelnen anzupassen? Man hat keine Chance, den Yogi in der letzten Reihe links hinten zu sehen und vor allem sensibel hinzuspüren, um dann feststellen zu können, was er in diesem Moment benötigt. Für mich ist dieser Aspekt im Yoga sehr wichtig. Deshalb haben wir beschlossen, Ronis Yogastudio klein zu halten: höchstens zwölf Personen pro Klasse. Das bietet uns als Lehrer die Gelegenheit, Raum zu schaffen für den Einzelnen, hinzusehen und zu adaptieren. Gleichzeitig können wir in unseren Klassen immer alternative Asanas anbieten, wenn eine Haltung für den Einzelnen nicht zugänglich ist.

Das bringt mich zu dem Aspekt Sport. Mehrmals pro Woche bekommen wir Anrufe, bei denen potentielle Schüler fragen, ob sie bei uns auch praktizieren können, wenn sie keinen Kopfstand/Pincha/Handstand oder ähnlich herausfordernde Asanas beherrschen. In anderen Studios sind solche Asanas wohl üblich und nicht jeder liebt diese Herausforderung.

Das irritiert mich einerseits und macht mich auch ein bisschen traurig. Yoga ist kein Sport. Ausrufezeichen. Yoga ist ein Weg, zur Ruhe zu kommen, sich selber wieder näher zu kommen und sich teilweise (!) über den Körper neu zu finden und zu definieren. Natürlich dienen auch die körperlichen Asanas dazu, seinen persönlichen Weg weiter zu gehen, aber es ist eben nur ein Aspekt.

Versteht mich nicht falsch, ich persönlich liebe Asana-Praxis, und ich finde es wunderbar, dass über diesen körperlichen Aspekt so viele Menschen zum Yoga kommen. Und ja, es ist eine Praxis, das heißt, je mehr wir üben, desto weiter schreiten wir voran. Und ja, ich freue mich auch, wenn ich neue Asanas meistere oder einfach für mein Empfinden einen Schritt weiter komme.

Was ist wichtig – im Yoga?

Nur körperliche Übungen sind nicht das Wichtigste im Yoga. Zumindest nicht nach meinem Verständnis und somit auch nicht in der Philosophie unseres Studios. Wir haben den Fokus auf unseren Schülern, dass sie mental und körperlich gestärkt und bestätigt aus der Klasse gehen. Was während einer Yogapraxis passiert, ist sehr individuell: manchmal hat man einfach nur geschwitzt und geackert, aber manchmal konnte man die Welt draußen vergessen, sich eine Pause gönnen und auf seinen Körper hören. Niemend braucht sich zu schämen, wenn er einen Sonnengruß auslässt und lieber in der Haltung des Kindes ausruht. Ganz im Gegenteil: Seid stolz darauf, dass ihr es schafft, nicht mit der Masse zu laufen, sondern das zu tun, was euch in dem Moment guttut.

Das wünsche ich mir auch weiterhin für unsere Yogis im Studio!

Gemeinschaft auch im Yoga

Zum anderen wollen wir uns auf die uralte Tradition des Sangha berufen. Einfach übersetzt, bedeutet der Begriff Gemeinschaft. Ich bin der totale Familienmensch und für mich ist es enorm wichtig, dass sich unser Studio wie ein zweites Zuhause anfühlt. Wir wollen einen Ort schaffen, an dem man sich gerne aufhält, egal ob vor, während und auch gerne nach der Praxis. Ganz bewusst haben wir deswegen auf einen zweiten Yoga- oder Massageraum verzichtet und uns dafür entschieden, einen Gemeinschaftsraum zu schaffen, der gleichzeitig auch als Wohnzimmer, Küche und Umkleide dient.

Die schönsten Momente im Studio sind für mich die Momente, die außerhalb der Klassen passieren. Die Zeit, wo zusammengesessen, Tee getrunken und Nüsse gegessen werden. Wo gelacht und diskutiert wird, wo einfach das passieren darf, was gerade dran ist: Gemeinschaft unter den Lehrern und den Schülern. Ich möchte Verbindung und Verbundenheit schaffen, einen Ort des Zusammenkommens. Und ganz spezifisch einen Ort des Zusammenkommens, ohne einer gewissen Gruppierung anzugehören (Religion/Arbeit/Freunde/Sport). Einen Ort zu schaffen, wo alle gleichermaßen willkommen sind: Yogis und Kinder und Hunde (awwwww 🙂 ). Dicke und Dünne, Vegetarier und Nicht-Vegetarier, Yogis, die Sport wollen und Yogis, die Philosophie erfahren möchten.

 

Diesen Raum des Austauschs gibt es bei uns im Studio und auch bei unseren Retreats unterwegs. Niemand soll sich fehl am Platz fühlten, nicht gesehen werden oder unerwünscht sein.  Die Balance zwischen dem Körperlichen und dem Geistigen, der Anstrengung und der Entspannung – das sind die Ziele, die wir mit euch gemeinsam erreichen möchten. Wenn ihr euch wohl und geborgen bei uns fühlt, dann machen wir einen guten Job.

Danke  – vor allem an mein Team; ich bin stolz, dass es uns im ersten Jahr gelungen ist, diesen Ansatz zu vermitteln. Und ich bin dankbar für unsere Schüler, die uns erst zu dem machen, was wir sind. Denn, wie immer sind Schüler die größten Lehrer!

Ich danke allen, die mir auf diesem Weg zur Seite stehen, vorweg aber meinem Mann und meinem Sohn Rufus, die dieses Jahr immer hinter mir standen, obwohl ich so wenig Zeit für sie hatte.

Ich freue mich auf ein weiteres wunderbares Jahr mit allen bunten Menschen, die da durch die Tür in unser kleines Studio hineinspazieren.

Eure Roni

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