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Kommt persönliches (Un)Glück ausschließlich aus uns selbst und können wir alle Probleme einfach weg meditieren

Du bist unglücklich? Selbst schuld, dann meditierst Du wahrscheinlich einfach nicht genug!

In der Yogawelt hört man immer wieder soche pauschalen Aussagen wie: „Du kannst im Außen nichts ändern, sondern alles kommt aus Dir.“ – „Nur Du selbst stehst Dir im Weg“ – „Alles, was Du brauchst, steckt in Dir“. Alle diese Statements enthalten die Annahme, dass die Lösung der Probleme im Innen und nicht im Außen bzw. auf einer individuellen Ebene liegt. Was aber, wenn gesellschaftliche und strukturelle Probleme wie Armut, Diskriminierung oder Sexismus das persönliche Glück schwer oder gar unmöglich machen? Macht uns Yoga und sein enormer Fokus auf dem eigenen Selbst dann nicht gesellschaftlich desinteressiert, inaktiv und unpolitisch?

Spiritual Bypassing: Leugnung der Realität

Der Spruch, dass „wir allein unser Glückes Schmied sind“, ist natürlich wesentlich älter als die moderne westliche Yoga-Welt. Gerade hier in Europa ist die Ansicht weit verbreitet, dass wir alles erreichen können, wenn wir es nur genug wollen. Auch in der Coaching Szene liest und hört man häufig Sätze wie „Nur Du selbst stehst Dir im Weg“. Oft im Zusammenhang mit dem Erreichen der eigenen Ziele und des „Traumlebens“. Suggeriert wird, dass wir allein für unser persönliches (Un-)Glück verantwortlich sind – niemand und nichts sonst. Bis zu einem gewissen Grad mag diese Ansicht richtig sein. Es gibt viele unbestreitbare Grenzen, die uns von außen – von der Gesellschaft und den Umständen, in denen wir leben und groß geworden sind – vorgegeben sind. Meditieren, Fasten, Ölziehen, Visualisieren oder andere spirituelle Techniken können äußere Umstände nicht beseitigen.

Gesellschaftliche Ursachen für individuelles Leid personalisieren …

Diese Meinung herrscht oft noch in westlichen Gesellschaften. Menschen mit Migrationshintergrund und auch Frauen haben es erwiesener Maßen sehr viel schwieriger, gleichwertige gesellschaftliche Positionen zu erreichen, wie einheimische Männer.

Wir übernehmen das, was uns unsere Eltern vorleben. Wenn zu Hause kein Wert auf ausgewogene Ernährung gelegt wird, die Eltern sich nicht um die Schule kümmern, dann werden wir diese Ansichten und Verhaltensweisen später eher annehmen. Als Erwachsene fällt es uns dann schwer, ein gesundes und „erfolgreiches“ Leben zu führen. Gleichaltrige Gruppen, die in einer eher bürgerlich-bildungsnahen Familie aufgewachsen sind, haben sehr wahrscheinlich bessere Startbedingungen.

Zurück zu einer ganzheitlichen Perspektive auf individuelles Glück

Die vielen persönlichen Entscheidungen, die wir jeden Tag treffen, haben erheblichen Einfluss auf unser Leben. Ob wir unser Leben lieben, es als gesund, sinnvoll und erfüllt empfinden, können wir trotzdem nicht aussschließlich selbst steuern. Wir sind ebenfalls von gesellschaftlichen Umständen und Einflüssen geprägt.

Ich persönlich vermisse in der Yoga-Welt und Coaching-Szene deshalb manchmal das Bewusstsein für die Bedeutung struktureller Probleme und Missstände. Themen wie Diskriminierung, Sexismus, Bildungsungleichheit etc. können und müssen auf gesellschaftlicher und politischer Ebene gelöst werden.

Wir können uns die Probleme bewusst machen und durch eigenes Verhalten versuchen, sie aktiv zu lösen. Wahre Yogis kümmern sich nicht nur um sich selbst,  sondern leben die yogischen Werte wie Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit oder das Maßvoll-Sein auch nach außen. Eine starke spirituelle und yogische Praxis, eine stabile Verbindung zu uns selbst und die Fähigkeit, die gegenwärtige Situation zunächst zu akzeptieren, um sie dann ggf. zu ändern, sind hierfür gute und wichtige Voraussetzungen.

Lasst uns bei all der Innenschau und Selbstreflexion, welche die Yogapraxis mit sich bringen kann, unseren Nächsten und die Gesellschaft nicht vollkommen aus den Augen verlieren. Lasst uns alle ein bisschen weniger um uns Selbst drehen. Lasst uns alle ein bisschen mehr Karma-Yoga machen!

Namasté,
eure Laura Lademann

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