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Warum Drama ein Zeichen dafür ist, dass man sein Yoga ernster nehmen sollte

Ich bin ja eigentlich so mega zen, aber…
Für viele Yogis ist der Wunsch, entspannter und gelassener durchs Leben zu gehen, einer der wichtigsten Gründe für eine regelmäßigen Yogapraxis,

wenn nicht das oberste Ziel überhaupt. Yoga und Meditation sollen uns dabei helfen, auch in turbulenten Zeiten und schwierigen Situationen in unserer eigenen Mitte und ganz bei uns selbst zu bleiben. Wir wollen uns weniger aufregen und gerade in Konfliktsituationen auch mal das Verbindende anstatt das Trennende suchen. Dabei halten sich nicht wenige Yogis für absolut tiefenentspannt und für stets tolerant gegenüber anderen – Love and Light, Baby! Dennoch habe ich – nicht zuletzt in den letzten Monaten – immer wieder beobachtet, dass diese entspannte Einstellung nach der Yogastunde leider gern mal mit der Matte im Studio abgegeben oder zurückgelassen wird.

So sind auch Yogis ganz und gar nicht frei von Drama in ihrem Leben, was ihrer nach außen leider eher theoretisch vertretenen als praktisch gelebten Einstellung oft vollkommen widerspricht. Dabei stellt uns Yoga, wenn wir es ernst nehmen und nicht auf die Asana-Praxis beschränken, doch so viele wertvolle Tools und Ansatzpunkte zur Verfügung, um unser eigenes Verhalten zu entdramatisieren und auf diese Weise mehr Balance in unser Leben einzuladen.

Der achtgliedrige Yogapfad: Yamas und Niyamas

Pantanjali hat den achtgliedrigen Yogapfad zwar vor mehreren tausend Jahren niedergeschrieben, dennoch hat er bis heute nichts von seiner universellen Gültigkeit eingebüßt.

Die ersten beiden der insgesamt acht Punkte des Yogapfades sind die Yamas und Niyamas: Das sind Regeln darüber, wie wir uns unseren Mitmenschen und uns selbst gegenüber verhalten sollen. Die Yamas, das Verhalten anderen gegenüber, umfassen unter anderem die Aspekte Satya (Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit) und Aparigraha (Mäßigung gegenüber anderen). Wir Yogis sind also angehalten, in zwischenmenschlichen Beziehungen ehrlich und offen zu sein und andere Menschen nicht zu unserem eigenen Vorteil auszunutzen.

Bei den Niyamas geht es um den Umgang mit sich selbst, also um Selbstreflexion. Unter anderen nennt Pantanjali hier Santosha (Zufriedenheit mit und Dankbarkeit für das, was wir haben) und Svadhyaya (Selbsterforschung).

Alle diese Verhaltensweisen können in einem erheblichen Maße dazu beitragen, dass wir mit weniger Drama und mehr Balance und Ruhe durch unser Leben gehen. Gerade auch der Aufruf zur Selbstreflexion scheint mir ungeheuer wertvoll, denn wie oft verurteilen wir Menschen und Situationen vorschnell. Wir suchen die Ursachen für bestehende Probleme im Außen, anstatt uns erst einmal „an die eigene Nase“ zu fassen.

Die Kleshas: Asmita und Raga

Ebenfalls auf Pantanjalis Yogasutra zurück gehen die Kleshas, die fünf Ursachen für menschliches Leid. Neben Angst (Abhinivesha) und Unwissenheit (Avidya) sieht Pantanjali die Ursache für unser Leid vor allem in einer starken Vorliebe für oder Ablehnung gegen Dinge oder Personen.

Asmita (die positive Identifikation mit etwas) oder Raga (das Verlangen nach etwas) können dann Leiden verursachen, wenn wir nicht in „Besitz“ des Objektes unserer Begierde kommen oder es uns „genommen“ wird. Auf Grund unserer Vorlieben und Wünsche entwickeln wir andererseits Dvesha, eine starke Abneigung oder Ablehnung Dingen oder Personen gegenüber.

Für mich liegt hierin – also in der Erkenntnis unserer persönlichen Präferenzen und Abneigungen – eine Schlüssel-Erkenntnis, wenn es darum geht, durch Yoga weniger Drama und mehr Gelassenheit zu kultivieren.

Natürlich haben wir alle unsere Vorlieben – unser Lieblingsessen, unsere Lieblingsmusik und -kleidung, unseren Lieblingssport, unsere Lieblingsmenschen usw. Wir tun im Sinne echter Selbstfürsorge auch gut daran, uns selbst glücklich zu machen, indem wir uns so oft wie möglich mit Dingen und Personen umgeben, die uns guttun. Dabei gilt es aber stets, eine gewisse geistige und emotionale Flexibilität, ja gewissermaßen Gleichmut zu behalten: Beides bewahrt uns nämlich vor gefühlsmäßigem Drama und emotionaler Disbalance. Es hilft uns, wenn wir einmal nicht bekommen, was wir uns gewünscht haben oder eine in unseren Augen optimale und wünschenswerte Situation irgendwann einmal vorübergeht. Hierzu gehören auch eine gewisse Offenheit und der Wille, sich vielleicht manchmal weniger schnell ein finales Urteil über Menschen oder Personen zu bilden.

Yoga ernst nehmen – auch jenseits der Matte!

Ich denke, wir tun alle gut daran, unser Yoga im Sinne Pantanjalis noch viel mehr von der Matte mit in den Alltag zu nehmen. Wir können uns selbst auch regelmäßig fragen, inwiefern wir die in den Yamas und Niyamas sowie den Kleshas beschriebenen Verhaltensregeln tatsächlich einhalten. Das würde dann zu unserem eigenen Wohl und dem unserer Mitmenschen beitragen. Manchmal kann das ganz schön anstrengend, nervenaufreibend und unbequem sein.

Nur durch regelmäßige und kritische Selbstreflexion können wir menschlich wachsen und immer mehr in unsere Mitte kommen. Wir sollten einer sich ständig wandelnden Umwelt mit Offenheit, Flexibilität, Gleichmut und Balance begegnen.

Nicht zuletzt unsere Asana-Praxis hilft uns dabei, derartige Fähigkeiten zu kultivieren: Durch eine gesteigerte Achtsamkeit kultivieren wir Dankbarkeit und Zufriedenheit für die kleinen und großen Dinge in unserem Leben.

Gleichzeitig rufen uns herausforderungsvolle Asanas, die vielleicht nicht zu unseren Lieblingsübungen gehören, jedes Mal wieder dazu auf, unsere eigenen Vorlieben und Abneigungen nicht zu stark werden zu lassen und offen für Neues zu bleiben. Vielleicht können wir dann auch in schwierigen Lebenslagen entspannt und gleichmütig bleiben und diese gut durchstehen.

In diesem Sinne laden wir euch Klasse für Klasse, Stunde um Stunde zu mehr Yoga und weniger Drama ein – let’s all pratice what we preach!

Namaste, eure Laura Lademann

 

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