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Loslassen ist die Kunst, Vergangenes zur Ruhe zu betten und der Zukunft freien Raum zur Gestaltung zu überlassen.

Helga Schäferling

In wie vielen Yogastunden warst Du bereits, in denen das Thema „Loslassen“, „Nicht-Anhaften“ das Thema der Stunde war? Wahrscheinlich in einigen. Da stellt sich die Frage, warum ist dies ein immer wieder gern gewähltes Thema.

Loszulassen ist wohl eine der schwersten Übungen in unserem ganzen Leben.

Ein kleines Beispiel zur Veranschaulichung: Ich hatte mich sehr über einen Kollegen, seine E-Mail und überhaupt über alles geärgert. Um ehrlich zu sein, ich weiß nicht mehr, um was es ging, es liegt schon ziemlich viele Jahre zurück. Jedenfalls habe ich mich aufgeregt, alles auch entrüstet einer Kollegin erzählt. Mit großem inneren Groll widmete ich mich meiner weiteren Arbeit. Nicht genug, am Abend durchlebte ich die ganze Situation noch einmal, indem ich meinem Partner von „diesem unmöglichen Kollegen“ berichtete. Kommt Dir das bekannt vor?

Dabei wäre ich viel besser beraten gewesen, loszulassen. Vielleicht hatte es der Kollege gar nicht so gemeint oder er wusste es in diesem Augenblick einfach nicht besser, denn um ehrlich zu sein, so toll die vielen neuen technischen Errungenschaften sind, mit denen wir in Kontakt treten können, es bleibt dabei doch Einiges auf der Strecke und Missverständnisse entstehen leichter, sowohl auf inhaltlicher als auch emotionaler Ebene.

Mit Loslassen meine ich, einen Schritt zurückzutreten, sich eventuell zu wundern, es dann auch dabei zu belassen, ohne sich weiter hineinzusteigern. Ich hätte mir mein Leben einfacher machen können. Klar, kann ich dies heute in der Rückschau leicht sagen. Es ist aber schon sehr hilfreich, diesen Moment des „Festhaltens“ zu erkennen, geistig oder auch tatsächlich einen Schritt zurückzutreten (z.B. nicht sofort auf diese E-Mail zu reagieren), einen tiefen Atemzug zu nehmen und es dann gehen zu lassen.

Loslassen bringt innere Freiheit

Zu bedenken ist jedoch, dass „Loslassen“ nicht im Sinne von „Hinnehmen“ oder „Apathie“ zu verstehen ist. Vielleicht hat der Kollege eine Grenze überschritten, sei es bewusst oder unbewusst. Falls dem so ist, gilt es andere Mittel und Wege zu finden, eine Grenzüberschreitung nicht weiterhin zuzulassen.

Diese vielleicht vermeintlich kleinen, weil so alltäglichen Übungen, das Loslassen zu kultivieren, können uns helfen, bei schwierigen Situationen im Leben, uns an das „Nicht-Anhaften“ zu erinnern, da wir es bereits so fest in unserem Leben verankert haben.

Eventuell gibt es berufliche Ziele, die Du in zwei oder fünf Jahren erreicht haben möchtest. Das ist ja auch eine sehr beliebte Frage in Vorstellungsgesprächen: „Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?“ Zugegeben, es kann sinnvoll sein, nicht völlig ziel- und planlos durchs Leben zu gehen, aber dabei sollte das Ziel nicht zu verbissen anvisiert werden.

Loslassen ist Lebenshaltung

Vielleicht kennst Du sie auch, diese Menschen, Freunde oder Kollegen, die mit einer gewissen Leichtigkeit durchs Leben gehen und ihnen die Dinge förmlich „in den Schoß fallen“. Beneidenswert, oder? Eventuell ist es aber auch die Einstellung dieser Menschen, nicht allzu zielstrebig zu sein, loszulassen, was sich nicht weiter lohnt zu verfolgen, und dabei offen für Neues zu sein.

Ist unser ganzes Leben nicht geprägt von Veränderungen, die wir oft gar nicht beeinflussen können? Was ist denn, wenn ich plane, Abteilungsleiter in den nächsten fünf Jahren zu werden, es diese Abteilung in dieser Form in fünf Jahren gar nicht mehr gibt? Eventuell ergibt sich jedoch eine ganz andere Chance, an die Du vorher niemals gedacht hast. Dieses Nicht-Anhaften kann Dir so viel mehr innere Freiheit schenken, denn: alles wird immer im Fluss sein, sich verändern und (weiter-)entwickeln. Wenn Du Dich nicht dagegen wehrst und nicht festhältst, kannst Du innere Freiheit erlangen. Vielleicht wird es erst später klar, warum es genau so gut war, wie es verlaufen ist.

Ursula, unterrichtet in Ronis Yogastudio Rücken Yoga und Workshops

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