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Yoga-Flatrate oder persönliche Beziehung zum Lehrer?

Om Om – Mögen wir uns beschützen,
Saha Navavatu – Lehrer und Schüler
Saha Nau Bhunaktu –Mögen wir das Glück der Freiheit genießen.
Saha Viryam Karavavahai – Mögen wir gemeinsam mit großer Energie arbeiten.
Tejas Vina Vadhi Tamastu – Mögen wir konzentriert lernen.
Ma Vidvishavahai – Mögen wir liebevoll miteinander umgehen.
Om Shanti Shanti Shanti – Om. Frieden, Frieden, Frieden.

Das sogenannte Lehrer-Schüler-Mantra wird schon seit der Zeit der Upanishaden (ca. 1.000 vor Christus) am Beginn einer Unterrichtsstunde oder Belehrung gesungen. Schon die wörtliche Übersetzung von Upanishaden – „nahe bei jemandem sitzen“ – lässt einen erahnen, wie wichtig und intim die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler war.

Das Mantra hilft uns, eine spezielle Atmosphäre im Yogaunterricht zu erschaffen, die von Respekt, Wohlwollen und Vertrauen geprägt ist. Dies sind in jeder Lehr-/ und Lern- Beziehung unumstritten die wichtigsten Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen.
Zum Schluss singen wir die drei Shanti, die um Frieden bitten. Frieden, bezogen auf die drei gängigen Störungen, die ein erfolgreiches Lernen beeinträchtigen könnten:

Störungen außerhalb unserer Kontrolle, wie Unwetter und Sturm
Störungen durch die äußere Welt, wie Telefone, Verkehrsgeräusche, eine lästige Fliege oder ein lauter Nachbar
Störungen, die durch unsere Emotionen, Gedanken, Verlangen und vieles mehr in uns, in unserer inneren Welt, entstehen

Das Mantra ruft zu guter Zusammenarbeit auf

Zusammengefasst, ruft das Mantra zu guter Zusammenarbeit auf, geprägt von Respekt und Wohlwollen.

Ich bringe heute das Thema auf dieses Mantra, weil mir eine Tendenz in der Yogawelt auffällt, die mir Grund zum Grübeln gibt und ehrlich gesagt auch etwas Sorgen bereitet: Die Tendenz zur YOGA-FLATRATE.

Als Inhaberin eines kleinen Studios habe ich täglich Kontakt zu den unterschiedlichsten Menschen aus der Münchner Yogaszene und erfahre viel über die Beweggründe und Wünsche, die jeden einzelnen auf seine Matte treiben. Obwohl man nie etwas über einen Kamm scheren kann, wage ich zu behaupten, dass sich jeder auf der Matte nach etwas sehnt – nach irgendeiner Art von Erweiterung/Expansion. Das kann auf rein sportlicher Ebene passieren: So. kommt Peter A. immer zum Unterricht, um seine Flexibilität zu verbessern. Kathrin Y. versucht hingegen, durch Yoga zur Ruhe zu finden und sehnt sich nach mehr Spiritualität in ihrem Leben. Was alle gemeinsam haben, ist diese eine Sehnsucht, etwas in ihrem Leben zu verändern.

Der gemeinsame Nenner: Erweiterung/Expansion

Für viele ist hierbei Yoga ein Sport, für andere hat Yoga überhaupt rein gar nichts mit Sport zu tun. Jeder hat eine unterschiedliche Sicht und einen unterschiedlichen Anspruch. Im Grunde genommen ist es deshalb auch ganz einfach, und das ist auch das Mantra, das ich mir in Situationen der Existenzangst immer wieder vorsage: Jeder Schüler findet seinen Lehrer – genau wie im oben genannten Mantra besungen.

Aber ist es wirklich so einfach? In der ersten Zeit als Studioinhaberin musste ich feststellen, dass auch Yoga ein riesengroßer Markt in der Fitness-/Wellness-/Health-Industrie geworden ist. Jeder will einen Teil vom Kuchen, und jeder will davon profitieren. Es gibt unzählige Studios, Yoga in Sport-Centern und Schulen, in Büros und auf Events. Es wird zu Disco-Musik praktiziert und in Stille, und man kennt sich im Dschungel der ganzen Yogaarten selbst als Experte schon langsam nicht mehr aus. Dank verschiedener Drittanbieter kann man sich für wenig Geld durch alle Yogastudios der Stadt turnen und nebenher auch noch schwimmen, klettern und Barree üben. Jetzt könnte man denken: Wunderbar! Dann ist ja für jeden das Richtige dabei.

Ja, auf der einen Seite schon. Aber, und hier kommt meine Sorge ins Spiel:
Was ist Yoga? Was bedeutet Yoga?

Warum praktizieren wir Yoga und machen nicht einfach Gymnastik?

Ich wage zu behaupten, weil wir eben doch auf der Suche sind nach dem „Mehr“. Nach dem, was dahinter steht, nach dem, was ich durch beständiges und fleißiges Üben und Praktizieren noch finden kann. Nach dem, was sich mir eröffnet, wenn ich mir die Zeit nehme und die Mühe mache, genauer hinzusehen – über die Asana, die körperliche Übung, hinaus. Wenn ich mich einlasse auf das Spiel zwischen Atem und Bewegung, wenn ich mich traue, mich in Stille hinzusetzen und zu hören, was in mir ist. Wenn ich den Biss habe, etwas immer und immer wieder zu probieren, bis es endlich klappt. Nach dem, was ich erfahre, wenn ich durch meine Einschränkungen hindurch gehe, mich erweitere und, um das zu können, Altes loslasse.

Und das, diese wunderbare Gabe des Yoga, funktioniert meiner Meinung nach nur, wenn wir „unseren“ Lehrer finden, wenn wir die oben im Mantra beschriebenen Voraussetzungen für unsere tägliche Praxis schaffen. Das kann unter Umständen eine ziemlich lange Reise sein, verbunden mit vielen Enttäuschungen und auch mit Frust. Aber ich bin sicher, dass man es merkt, wenn man „seinen“ Lehrer gefunden hat. Und wenn das der Fall ist, dann bleibt man als Schüler am besten bei ihm. Auch, wenn es manchmal nicht das Yogastudio um die Ecke (ich fahre regelmäßig zu meinen Lehrern nach Berlin) oder der Kurs des eigenen Lehrers nicht mehr in der Monatsflatrate enthalten ist. Seid es Euch Wert!

Seid beständig

Das heißt natürlich nicht, dass Ihr nur noch bei einem Lehrer üben könnt, aber ich denke, wer erst mal seinen eigenen Lehrer gefunden hat, versteht, was ich meine: Es ist die eine Person, die die eigene Praxis auf das nächste Level hebt, die Euch mit Verständnis und Respekt entgegentritt, die Euch persönlich kennt und auf Euch eingehen kann. Und das ist, meiner Meinung nach, wesentlich mehr wert, als eine Yoga-Flatrate, die es Euch ermöglicht, überall und nirgends gleichzeitig zu sein. Denn, ist es nicht das, was wir uns heute so oft wünschen: Mehr Verbindlichkeit, mehr Zusammen.Sein, mehr Persönlichkeit?

Das ist zumindest das, was ich mir wünsche und was ich in meinem Studio immer beibehalten werde: Persönlichkeit. Kommt vorbei, trinkt Tee, praktiziert. Aber ja, teilt auch Eure Geschichte mit uns, denn nur gegenseitig kann diese Lehrer-Schüler-Beziehung bestehen.

Namaste
Eure Roni

 

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